Hans-J. Müller

"Still oder Leben"

26. April bis 24. Mai 2015



Freuen Sie sich auf eine zweite Begegnung mit den Künstlern Pat Noser und Hans.-J. Müller.

Die Malerin aus dem Schweizer Ort Biel war bereits im Rahmen der Gemeinschaftsausstellung "Rauschzeit" vertreten, die vom 1. September bis 29. September 2013 bei kd.kunst zu sehen war. Sie fiel besonders durch ihre großformatigen, eindrucksvollen Porträts auf - unter anderem von Menschen, die in der Umgebung von Tschernobyl leben. Auch diesmal zeigt Pat Noser wieder Porträts in Öl - aber diesmal in kleineren Formaten. Sie werden ergänzt durch ihre neuen Stillleben.

Der Bremer Hans-J. Müller war bereits vom 29. August bis 26. September 2010 gemeinsam mit Tom Gefken mit einer Ausstellung in unseren Räumen vertreten. Arbeiten aus Holz, Marmor und Bronze bestimmen auch jetzt wieder die Präsentation des bekannten Bildhauers. Gezeigt werden vor allem neue Arbeiten.

     
 
       

     
 Pat Noser
   Hans-J. Müller
 

 

"Still oder Leben"

Hans-J. Müller und Pat Noser

 

kd.kunst präsentiert jetzt den weit über Bremens Grenzen hinaus bekannten Bildhauer Hans-J. Müller und die aus Biel in der Schweiz stammende Malerin Pat Noser in der Ausstellung „Still oder Leben“. Müller hat eine unverwechselbare Handschrift entwickelt. Die Setzung von Schrägen zwischen Block und Figur markiert einen Übergang zwischen Geometrie und Figur, wobei sowohl die Figur als auch der Block immer Grundform bleibt. Das heißt, Müllers Figuren fangen im Block an, oder: seine Blöcke gipfeln in der Figur, die immer oben ist, aber nie Krönung, sondern Teil eines bildhauerischen Programms, welches von ihm mit großer Konsequenz durchgehalten wird.

Müllers Arbeiten lassen das altehrwürdige Schema der Pyramide erkennen, das seinen Werken ihre klare Erscheinung gibt. Der Künstler braucht nur wenig, um den oberen Teil seiner Skulpturen als Figur zu markieren. Eine Abfolge von Proportionen, die an Kopf, Schultern, Brust, Taille erinnert, genügt, um aus einem Stein oder einem Stück Holz einen Menschen herauszuarbeiten.

Zu Pat Nosers zweifellos wichtigsten Arbeiten gehört ihr Tschernobyl-Projekt. 2011 reiste die Schweizer Künstlerin in die "Verbotene Zone "und hielt mit der Kamera fest, wie sich die Natur 25 Jahre nach der Katastrophe ihr Terrain zurückerobert. Sie besuchte Menschen, meist alte Menschen, die in dieser Zone wohnen, irgendwann dort sterben und das Land wieder sich selbst überlassen. Davon sind beeindruckende Arbeiten entstanden, Bilder über die untergegangene Kulturlandschaft und die Rückeroberung der Natur, die das Schreckliche überwuchert, Radioaktivität, die man nur erahnt, aber nicht sieht. Einige Stillleben aus diesem Projekt werden bei kd.kunst gezeigt.

Außerdem stellt die Galerie ihre neuesten Arbeiten vor. Porträts und Alltagsgegenstände sind zur Zeit die Themen von Pat Noser. Die Porträts (die Künstlerin nennt sie Ikonenbilder) zeigen Schriftsteller, Musiker und Maler, deren Werk sie bewundert oder deren Schicksal sie berührt. Unter anderem malte sie eine Porträtreihe von Joseph Beuys, die den Maler aus verschiedenen Blickwinkeln während einer Fernsehdiskussion zeigt.

Auf der einen Seite ein Projekt wie Tschernobyl, auf der anderen Seite Stillleben und Porträts von Prominenten, liegt darin kein Widerspruch? "Ich frage mich zwischendurch immer, ob man das darf, eine heile Welt mit ihren Alltäglichkeiten abbilden, während draußen alles mehr oder weniger den Bach runtergeht!", sagt Pat Noser. Sie darf, denn in ihrer emotionsgeladenen Handschrift ist ihre Grundhaltung und ihr Engagement am Leben immer klar ersichtlich.
Arie Hartog / D. Dickert

 


 

Laudatio von Arie Hartog, Direktor des Gerhard-Marcks-Hauses in Bremen, aus Anlass der Eröffnung der Ausstellung "Still oder Leben":

"Hans Müller und Pat Noser repräsentieren zwei extreme Positionen, wenn es um diese so oft gebrauchten und missbrauchten Begriffe „figürliche Kunst“ oder „Realismus“ geht. Hier ein Bildhauer, der sich weit vom Naturvorbild entfernt hat, aber eindeutige Zeichen nicht nur des Menschen, sondern des menschlichen Verhaltens schafft, dort eine Malerin, die über den Zwischenschritt der Fotografie eine Malerei entwickelt, die sich von der Anekdote und dem zufälligen Bild wegbewegt hat. Gerade hier in der Galerie sieht man im Zusammenspiel sehr schön, wie sich die beiden Medien bei diesen Künstlern entfalten und darüber würde hier heute gerne etwas ausführlicher reden.

Der Anfang der modernen Kunst wird meistens mit bestimmten Kunstwerken beschrieben. Dieses Bild (Cézanne) oder diese Skulptur (Rodin) sei der Anfang. Der Sprachwissenschaftler George Steiner legte eine andere Spur und wies auf den französischen Dichter Stéphane Mallarmé. Das Wort „Rose“ – so Mallarmé – bedeutet nichts anderes als die vollkommene Abwesenheit des so bezeichneten Gegenstands. Das Wort duftet nicht, und man kann sich nicht daran verletzen. Das gleiche gilt für jedes Bild. Damit wurde die direkte Verbindung zwischen dem Dargestellten und der Darstellung durchbrochen, nicht aber die Verbindung zwischen der Darstellung und demjenigen der Rose sagt oder zeichnet und der nun nicht mehr der wirklichen Rose unterworfen ist. In der Moderne wird Ausdruck möglich - und bleibt es so lange wie Kunstwerk und Künstler direkt mit einander verbunden sind. Darum ist ein bestimmtes Werk nicht ein Berg, sondern ein Cézanne und diese stehende Frau ein Rodin. (Der heute oft beschworene postmoderne Autor, der sich verabschiedet, hat keinen Teil mehr am Staunen, das am Anfang der modernen Kunst steht).

Das ist der erste Teil, aber es gibt noch ein älteres Staunen, dass sich damit verbindet. Denn, wenn wir über die Rose reden, wissen wir – auch wenn sie nicht da ist – was gemeint wird, und so ist die Moderne Kunst ein labiles Dreieck mit den Eckpunkten, Rose, die nicht da ist, Rose, die gestaltet (und gesehen) wird und der Künstler als derjenige der dieses Staunen zeigt und durch die gefundene Form auf ein höheres Niveau bringt. Und man kann sicher behaupten, dass dieses doppelte Staunen die eigentliche Kraft der weitesten Sinne modernen figürlichen Tradition ist. Diese hier verkürzt dargestellte theoretische Überlegung verbirgt sich im Fall der figürlichen Tradition hinter der oft gehörten Aussage, dass ein Bild auf sich selbst verweist. Doppeltes Staunen klingt da besser.

Denn dieses Auf-sich-selbst-verweisen kann stinke langweilig sein. Der Philosoph Peter Sloterdijk, bekanntlich Rektor der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, hat mal eine glänzende Kritik der zeitgenössischen Kunst vorgenommen als er darauf hinwies, dass die meisten Künstler anfangen, selbstreferenzielle Werke zu machen, bevor sie etwas geleistet hätten. Und das ist hier – es sind natürlich auch im positiven Sinne zwei ältere Künstler – völlig anders. Diese Werke handeln davon, dass diese Künstler beim Machen, innerhalb eng gesteckter Grenzen, immer noch über die Möglichkeiten ihres Mediums und ihrer Themen (die Rose) staunen und daraus einen sehr eigenen Ausdruck entwickelt haben.

Als ich am Freitag in der Galerie war und einige Bilder noch nicht aufgezogen am Boden lagen, hatte ich gerade bei dem großen Bild eine eigenartige Erfahrung. Es lag auf den Boden und somit war die Fensterperspektive weg und damit die klare räumliche Ordnung, aber die Malerei, die Auseinandersetzung mit Fenster und Raum und der einfachen Frage, wie malt man das, hatte Bestand. Nosers Werk basiert auf Fotos, und man kann da eine eigenartige Dynamik feststellen. Wenn dieses Werk fotografiert wird und dann klein abgebildet, so ist es um einiges Näher am ursprünglichen Foto als an dem Gemälde (man konnte das schön an der Einladungskarte sehen). Aber Malerei findet genau zwischen dem Foto des Motivs und dem Foto des fertigen Bildes statt. Es sind Bilder, die auf den ersten Blick von einem Motiv handeln, die – zweiter Blick, so erfahren sind wir ja alle – ziemlich sicher auf eine konzeptionelle Überlegung basieren und dann aber auf eine sehr überzeugende und unaufgeregte Weise von dem Verhältnis Farbe, Pinselstrich und Format handeln. Dabei sind diese Bilder zutiefst hintergründig. Wissen wir, dass einige dieser Bilder etwas mit Tschernobyl zu tun haben? Ändert das etwas an der Wahrnehmung? Oder spüren wir, dass diese Gemälde über ihre Komposition Malweise (wie die Niederländer im 17. Jahrhundert) zeigen, dass sie mehr als bloße Stillleben sind? Die Frage können wir in hundert Jahren beantworten, aber ich vertrete hier schon mal die These, dass die Bilder ihre motivische Herkunft transzendieren.

Hans Müller zeigt neuere Arbeiten und erinnert daran, dass die eigentliche Frage für Malerin und Bildhauer ist, wie man wieder ein Kunstwerk macht. Und während sie beim Motiv anfängt, fängt Müller beim Material an und entwickelt daraus mit klaren Setzungen eine große Skala an Möglichkeiten. Dabei finde ich persönlich, dass in den neuen Arbeiten eine enorme Lust zu spüren ist und stereometrische Form, Materialwirkung und gefundenes Motiv eine wunderbare Einheit eingehen. Aber das ist natürlich unfair, da ich das Werk von Hans schon sehr lange kenne und schätze und daher subtile Verschiebungen wahrnehme, während ich wenige Bilder von Pat Noser früher gesehen hatte, aber erst jetzt anfange, mich da hineinzusehen. Aber das ist es, was diese beiden Künstler verbindet. Gute Kunst handelt vor allem von der Lust immer wieder hinzusehen und sich so ein Werk langsam zu erschließen.

Dabei zeigt sich bei beiden Künstlern eine klare Handschrift und Methode und ein Changieren in der Motivik, von Tschernobyl zu Hannah Arendt bei Noser oder von den Scheinheiligen zur Frage „Was willst Du“ bei Müller, was noch einmal zeigt, wie gefährlich es ist, diese Kunst – wie es ja im figürlichen Bereich so einfach geschieht – auf ihre Motive zu reduzieren. Vielleicht geht es um etwas anderes, und darum komme ich noch mal auf die anfangs gemachte Beobachtung zur Entfaltung der Kunstwerke. Die Werke Nosers entsprechen der Konvention des Fensters, des Fotos und damit der Distanz, gleichzeitig aber, dringt die eigentliche Malerei subtil, aber bestimmt in den Raum hinein und in der Wahrnehmung ändert sich diese Dynamik, abhängig von der Nähe zum Bild. Das ist nun gerade keine Binsenwahrheit, sondern der Grund warum diese Malerei überzeugend ist. Bildhauerei ist da umgekehrt gepolt, sie entfaltet sich im Raum und die Spuren des Machens liegen dagegen im Objekt. Zugegeben einfache Beobachtungen, aber durch einfache Beobachtungen kann sich die Kunst entfalten, während komplexe Beschreibungen sie einengen"